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Diese Geschichte schickte mir ein Kollege per Email zu, der als sehr engagierter und kompetenter Betriebsrat hier mal aus dem "Nähkästchen" plaudert. Ich danke Dir, Jens, für diesen ergreifenden Einblick in den Alltag eines Delegierten.

 

Die Sitzung

Ich frage mich, warum so wenige Menschen politisch engagiert sind.

Die Tätigkeit als Betriebsrat bringt unter anderem auch schon mal die eine oder andere gewerkschaftliche Verpflichtung außerhalb der Arbeitszeit mit sich. Üblicher Beginn ist hier 16.30 Uhr.
Früher noch Vertreter genannt, mutierten wir in einer Zeit, in der aus dem Lageristen der ’’Warehouse- Manager’’ wurde, eben zu jenen ’’Delegierten’’, die in den regelmäßigen Delegiertenversammlungen auf unterster Ebene versuchen, die Politik der IG Metall mit zu gestalten. Da werden Reden gehalten, Anträge an den Gewerkschaftstag gestellt, Kassenberichte verlesen und allerlei Diskussionen geführt. Entsprechend der Spannung, die diese Schilderung in einem erweckt, liegt das durchschnittliche Alter dieser Delegierten bei geschätzten 57 Jahren.

Zunächst geht der erste Bevollmächtigte, also quasi der Boss des ganzen Vereins, in seinem Kassenbericht vollkommen auf. Mitgliederzahlen werden dargestellt, die Zukunft in den schwärzesten Farben aufgezeigt. Mahnend der Finger gehoben und am Ende der schwarze Peter den Betriebsräten zugeschoben. Müssen wir schlechte Vertreter unserer Kollegen sein! Gesenkten Hauptes sitzen wir nun da und lauschen den Ermahnungen des wissenden Gewerkschafts-Frontmannes. Die Schelte war hart, aber es gibt Hoffnung:
Am Ende eines jeden Punktes auf der Tagesordnung, bleibt der Platz für die persönlichen Wortmeldungen. Diese Gelegenheit wird begeistert beim Schopf gegriffen. Hier tauchen sie dann alle auf, die üblichen Verdächtigen.

Da ist zum einen der hoch motivierte, sich maßlos selbst überschätzende Rentner. Als ich das erste Mal das Vergnügen hatte, einer seiner Wortmeldungen lauschen zu dürfen, wurde mir schlagartig klar, warum der Altersschnitt dieser Veranstaltung so hoch sein muß. Nun bin ich gerade mal zarte 31 und in mühevoller Kleinarbeit klärt der Kollege nun in jeder Sitzung mich und die anderen jungen Hüpfer um die 55 darüber auf, daß uns jegliche Erfahrung für vernünftige Arbeit absolut fehlt. Zwar habe ich bereits mit 15 meinen Sozi-Lehrer bezüglich der 35-Stunden-Woche an die Wand diskutiert, aber was weiß ich schon. Wahre Erleuchtung erlangt man offensichtlich erst im Rentenalter.

Als nächster spricht der Betriebsratsvorsitzende eines ortsansässigen, mittelständischen Betriebs. Er nimmt Stellung zum Thema! Er wiedersetzt sich dem Chef! Er packt sprichwörtlich ’’den Hammer aus’’! Was für eine Rhetorik! Was für ein Sound! Welch bildliche Vergleiche! Es gibt nur ein Problem: Er verfehlt vollends das Thema und niemand nimmt Ihn ernst.

Dann kommt mein besonderer Liebling. Es ist bereits 18.45 Uhr und der große Auftritt des Vertreters der Arbeitslosen naht. Er repräsentiert das klassische Vorurteil über Arbeitslose. Immer eine Erklärung parat, warum gerade dieser Job nicht zumutbar ist. Seine Wortmeldungen sind immer ein Gedicht, denn was kommt, wissen wir alle bereits. Auf jeder Sitzung das Gleiche. Sozusagen ’’Dinner For One’’ auf der Delegiertenversammlung. Blumig und mit viel Theatralik braucht er ca. 25 Minuten, um sich seinen Vorrednern anzuschließen. Selten habe ich jemanden kennen gelernt, der für ein: „Wollte ich auch sagen!“ so lange braucht.

19.15 Uhr, Tagesordnungspunkt 4, und langsam machen sich in der Veranstaltung die ersten Auflösungserscheinungen bemerkbar. Gestreßte Familienväter und genervte Betriebsratsvorsitzende treibt es nach einem langen Arbeitstag nach Hause. Verständlich, sollte man meinen. Doch dann naht der große Auftritt des neuen Sekretärs für Jugend und Bildung: „Manchmal ist auch der Tagesordnungspunkt 5 noch wichtig.“, mahnt er die Abwanderungswilligen. Er vermisse das Engagement und Durchhaltevermögen. „Ist klar“, denk ich mir, „schließlich stehen wir Beide um 5.00 Uhr auf. Nur geh ich dann arbeiten und Du zum pinkeln. Dann legst Du Dich wieder hin!“ Der Arbeitstag der Sekretäre beginnt meines Wissens um 9.00 Uhr. Soviel dazu. Aber stehe ich eben den Rest auch noch durch.

Gegen 19.54 Uhr und etliche „wollte ich auch sagen!“ später, findet die Veranstaltung dann ein reguläres Ende. Im Parkhaus zahlt man flugs noch 4 Euro und dann geht’s ab nach Hause. Das warme Menu, welches die Lebensgefährtin gebrutzelt hatte, ist längst zu einer undefinierbaren, kalten Masse erstarrt. Egal, üppige Nahrungsaufnahme soll um diese Zeit auch gar nicht mehr gesund sein. Nach einem Bier geht es auf dem Sofa schon in die stabile Seitenlage. Das Bett ruft, die Lebensgefährtin zeigt Ihr Verständnis durch mitleidiges Kopfschütteln.

Am nächsten Tag in der Firma kommt dann die immer wieder beliebte Frage: „Betriebsräte! Was macht Ihr denn, außer Kaffee trinken?“

Ich frage mich wirklich, warum so wenige Menschen politisch engagiert sind.



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