zurück zur Startseite
zurück zum prallen Leben

Oh Tannenbaum

Nach all der Hektik der Vorweihnachtszeit rückt ein ganz bestimmter Termin, verbunden mit einer klar definierten Aktion, unaufhaltsam und gnadenlos näher. Der Schrecken der Weihnachtszeit, die Apokalypse im Wohnzimmer, die schwerste Prüfung für mich in der Zeit vor Heiligabend:

Der Weihnachtsbaum muss ohne wenn und aber in den Tannenbaumständer operiert werden.
 

Der Beginn dieser Aktion verläuft eigentlich noch recht harmonisch und findet generell auf der Terrasse statt. Der Baum wird bei uns meist am Abend des 23. Dezembers sanft und liebevoll von mir aus dem Netz befreit und streckt vorsichtig und völlig unterkühlt erst einmal seine Zweige aus. Das allerdings sehr einseitig, denn er liegt ja noch unschön am Boden. Um eine gewisse Standfestigkeit zu gewährleisten, er muss später auch einem neugierigen Kater widerstehen, wird er in den Ständer gestellt. Jedenfalls rein theoretisch. Rein praktisch stellt sich nun heraus, dass der Stiel doch einige Nummern zu dick für den Ständer ist. Wie unpraktisch! Aber selbst ist der Mann, die Säge versieht zwar widerspenstig, aber dennoch wirksam ihren Dienst am feuchten gequollenen Stamm. In mir keimt an dieser Stelle zum erstenmal die Frage auf, wer eigentlich diesen dämlichen Ständer konstruiert hat. Ich gehe natürlich völlig praktisch beim zuschneiden vor, zuerst wird der Stamm unten viereckig, dann sechs- und danach achteckig. Das sieht man ja später nicht mehr. Nach einer Stunde und einer mit Spänen völlig zugesauten Terrasse, natürlich hat es am Nachmittag noch geregnet, damit die Späne besser kleben, passt das Kunstwerk dann in den Ständer. Richtig festschrauben will ich ihn hier noch nicht, denn dazu müsste ich mich ja lang auf die nassen Steine legen und hinterher kleben die Späne dann an mir, und das gäbe Mecker.
Ich öffne die Terrassentür und trage das ganze Geschleuder erst einmal in die gute Stube. Schnell die Türe wieder schließen, es kommt verdammt kalt rein. Die beste aller Göttergattinnen schaut nun meist neugierig durch die Wohnzimmertüre und bemerkt völlig zutreffend und auch überflüssiger Weise, dass die Tanne schief steht. Ich schaue sie mit mildem Blick an und säusel sanft, dennoch leicht gereizt, dass sie ihr Köpfchen mal nicht mit derlei Problemen belasten soll, was zum sofortigen schließen der Tür führt, von außen natürlich.
Ich werfe mich jetzt in voller Länge unter die Fichte und versuche verzweifelt, die unhandlichen Schrauben am Fuße des Ständers fest zu ziehen. Die scharfkantigen Steine dieses unmöglichen Gerätes reißen systematisch Wunden in die Hände, die Zweige hängen mir irgendwo im Gesicht und am nadeln ist dieser dösige Baum auch schon. Die Schürfwunden an den Händen nehmen bereits nach der dritten von vier Befestigungsschrauben Formen an, das letzte Mal sah ich so aus, als ich versucht habe, dem Kater seine Medizin zu verabreichen.
Nach all der Mühe steht der Weihnachtsbaum dann aber wirklich fest in seinem Ständer, etliche Nadeln am Boden zeugen vom Kampf mit den Tücken der Ständertechnik. Die Frage nach dem Konstrukteur dieser Gerätschaft drängt sich immer mehr in den Vordergrund. Jetzt muss ich die Tanne noch etwas zur Seite rücken, denn um den hellen Bodenbelag vor Verschmutzungen zu schützen, liegt unter dem Ständer immer noch eine weihnachtliche Decke. Selbige ausbreiten, Baum drauf, fertig! Es folgt die Endabnahme durch Chefin, meist zieht das noch einige Korrekturen nach sich. Hast Du wenigstens gesaugt, bevor Du die Decke hingelegt hast, fragt sie dann, mit leicht hochgezogener Augenbraue natürlich? Wozu denn das, frage ich mit eben solcher Mimik zurück. Meinst du, da kuckt einer unter die Decke? Als krönender Abschluss erfolgt jetzt eine ausgiebige Belehrung über den Sinn und Zweck des Staubsaugens und damit ist auch der Moment gekommen, an dem ich kampflos und angeschlagen das Schlachtfeld räume. Die Weiterverarbeitung des Bäumchens überlasse ich jetzt besser ihr.
Aber in diesem Jahr wird alles anders verlaufen. Ein neuer Tannenbaumständer hat seinen ersten Einsatz vor sich, so ein neumodisches Gerät mit Krallen und Stahlseil. Und der Stamm passt diesmal auch hinein, darauf habe ich schon beim Kauf des Baumes geachtet.


zurück zum prallen Leben