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Tapetenwechsel

Die Zeit war reif für einen Tapetenwechsel im Hobby und Computerraum. Beim Einzug in die eigenen 4 Wände vor einigen Jahren war die spätere Bedeutung des Zimmers als Kommunikationszentrale via Internet in die weite Welt sicherlich nicht geplant. Der Raum stand zur freien Verfügung und so wurden die frisch verputzten Wände mit einer langweiligen und überaus preiswerten Tapete beklebt. Nun wollten es günstige Umstände, dass ich ein Jahr später einen ebenfalls preiswerten, aber zu der Zeit keineswegs langweiligen PC erstand. Fortan war dieser schmucklose Raum mein bevorzugter Aufenthaltsort. Da ich zu der Zeit noch recht heftig geraucht habe und der Meinung war, Frischluft schade meinem Organismus, hingen düstere Zigarettenrauchschwaden unter der Decke, deren strahlendes Weiß sich langsam aber sicher farblich dem Nikotin näherte. Eines schönen Tages hörte ich zum ersten Mal mit dem Rauchen auf. Was mich allerdings sehr störte, waren eben diese Spuren an Wand und Decke und überhaupt im ganzen Raum, der einen Geruch verströmte, der sehr stark an den Duft einer kalten Bahnhofshalle erinnerte. Und das sogar noch bei offenem Fenster. Spontan beschloss ich also, neue Tapeten zu kleben und die Decke zu streichen. Ich teilte diesen Entschluss ebenso spontan meiner Göttergattin mit und schleifte sie direkt ins Auto, um Tapeten und Farbe mit ihr auszusuchen. Gekauft wurden Raufaser und weiße Farbe für die Decke, eine maigrüne Farbmischung hatte ich mir für die Wände anrühren lassen. Ich war mir selber nicht sicher, ob der Farbton eine gute Idee ist, aber nun hatte ich den extra gemischten Rieseneimer gekauft, nun musste er auch auf die Wand. Am Wochenende wollte ich dann loslegen.


Samstagmorgen, 8.00 Uhr. Ich bin hellwach und voller Tatendrang, Göttergattin träumt noch tief und fest in den Federn. Ich kann ja schon mal alleine anfangen. Im Ausräumen von Schränken bin ich unschlagbar. Man nehme den Inhalt und türme ihn im nächsten Raum wieder auf. Das geht dann ruckzuck bei mir, nicht wie bei Karin, die sich von jedem Foto, welches ihr in die Hände fällt, ablenken lässt. Die Klamotten mussten doch nur zwei oder drei Tage da liegen, da kann man doch wohl auch mal über einen Stapel Bücher und Zeitschriften, Ordner und Geräte steigen. Schränke abbauen, die Einzelteile im Flur senkrecht lagern. Schubladen sind komplett leider sehr sperrig und nehmen etwas mehr Platz weg. Ich arbeitete konzentriert und schnell. Der Hobbyraum war um 10 Uhr leergeräumt, der Rest der 1. Etage war zugestellt. Jedoch konnten alle Örtlichkeiten bequem durch geschickte Klettermanöver erreicht werden. Ist doch ganz was anderes, wenn ich als Mann konzentriert eine Aufgabe anfasse und zielstrebig bewältige. Die wird staunen, wenn sie aufsteht.


Dieser Vorgang des Staunens begann just in dem Augenblick des vorherigen Gedankens, die Tür zum ehelichen Gemach öffnete sich und eine verschlafene Göttergattin betrat mit kleinen, halbgeschlossenen Augen den Flur. Der Zustand ihrer Augen änderte sich allerdings beim Anblick der Gegebenheiten in fast rasender Geschwindigkeit von einer Sekunde auf die andere. Die Größe ihrer Pupillen nahm schon bedrohliche Ausmaße an. Nicht nur die Geschwindigkeit des Gemütswechsels war rasend, auch ihr Zustand durfte nach einigen Sekunden ungläubigen Staunens getrost so genannt werden. Keine Spur von Anerkennung für die schnelle Bewältigung der undankbaren Räumerei, stattdessen wilde Flüche und recht unhöfliche Bemerkungen, größtenteils Mutmaßungen über meinen momentanen geistigen Status. “Schau dir mal dieses Chaos an, du bist doch nicht ganz dicht!“ klang da noch verhältnismäßig höflich. Ich war zwar etwas irritiert, aber keinesfalls völlig verunsichert. Ich habe schon geahnt, dass sie meiner schnellen, erfolgsorientierten Logistik nicht folgen wird.


Nun gut, wichtiger war es, die alten Bahnen von der Wand zu ziehen. Da es die ersten Tapeten im Neubau waren, hielten sie noch nicht so fest wie das in älteren Häusern der Fall ist. Ich fragte also vorsichtig an, ob sie mir beim ausbreiten der Schutzfolie behilflich sein könnte oder, was ich besser fände, wir ganz auf die Folie verzichten sollten. Letzteres hatte wieder eine Flut von Worten zur Folge, so dass ich wieselflink die Folie auspackte und dieses hauchdünne Etwas mit ihr entfaltete. Das Entfalten ist nicht so schwierig, aber dann wird’s interessant. Die Folie hat, weil sie so leicht und dünn ist, recht gute Flugeigenschaften und reagiert auf Thermik im Bereich der Heizkörper. Es hat sich schon etwas hingezogen, bis die Plane erfolgreich und schützend über dem Teppich gelandet war.


Die alten Tapeten waren konventionell mit Kleister geklebt, also habe ich sie angefeuchtet, um sie vernünftig abziehen zu können. Die Feuchtigkeit jedoch reaktivierte den trocknen Kleister auf den abgezogenen Bahnen, die dadurch wiederum eine Anhänglichkeit an meine Füße entwickelten. Nachdem sich dann ein Stück am Schuh festgesetzt hatte, suchte dieses in der Folge die ebenso innige Verbindung mit der Folie, woraus nach einiger Arbeitszeit resultierte, dass sich die Schutzfolie ein wenig anders auf dem Teppichboden platzierte. Daraus folgte ein gewisses „Kleckern“ auf dem Teppichboden, das ich immer wieder mit den Worten „das ist ja nur Wasser“ vom Tisch gewischt habe. Ich wischte gerade wieder, als Karin um die Ecke kam. Das folgende Gespräch verlief recht hektisch. Die kann sich immer anstellen wegen solcher Kleinigkeiten.


Decke streichen verlief völlig ohne Zwischenfälle. Die Tönung meiner Haare mit Deckenfarbe wird sich spätestens beim Duschen verlieren.


Tapezieren ist kein Problem, ich arbeite da noch ganz altmodisch mit Quast und Kleister, den man auf die Tapete aufträgt. Es waren ja auch Raufasertapeten. Ich wäre natürlich viel schneller vorangekommen, wenn die Dame mir beim Kleistern geholfen hätte und ich nur noch kleben bräuchte. Da gab es aber gleich zu Anfang das Malheur, das ich den triefenden Quast auf eine Zeitung am Boden gelegt habe, um mir einen besseren Ablageplatz unter dem Tapeziertisch zu schaffen. Leider habe ich die durchweichte Kleisterzeitung nicht sofort entsorgt und Göttergattin betrat kooperativ den Raum, trat schwungvoll auf die bewusste Zeitung, die ihrerseits in dem Zustand gute Gleiteigenschaften aufwies. Nach einer kurzen und eindrucksvollen akrobatischen Einlage fand sich meine Frau auf dem Hosenboden sitzend mitten im verbliebenen Kleisterfleck der Zeitung auf der Schutzfolie wieder. Wäre vielleicht noch gut gegangen, wenn ich nicht gelacht hätte. Egal, tapeziere ich eben alleine. Einige Stunden später siegte bei meiner Frau dann wohl die Neugier, sie schaute mit Engelsblick durch die Tür und sprach: Weiter bist Du noch nicht?“. Nun stand ich wie angewurzelt und ein Wortschwall meinerseits traf ihre volle Breitseite. Den Rest des Tages ging jeder seiner eigenen Tätigkeit nach, des Abends war der Raum tapeziert.

Am nächsten Morgen sah die Welt wieder etwas freundlicher aus. Die grüne Farbe stand in den Startlöchern, beim Streichen der Wände konnte ich meine Frau sowieso nicht brauchen. Das Ergebnis war auch nach unserem Geschmack, ein freundlich wirkender heller Raum. Die Decke ist auch heute noch weiß, die Wände in einem hellen grün und die Jalousie vor dem Fenster ist ein gelber Farbtupfer.


Um das Einräumen der Schränke brauchte ich mich übrigens nicht kümmern.


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